Müssen wir Angst haben?

In Johannes  16 ,33 sagt Jesus zu seinen Jüngern:
Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

In der Welt habt ihr Angst sagt Jesus zu seinen Gefährten, und diese Angst war damals verständlich. Auch heute haben viele Menschen Angst und auch diese Angst ist verständlich.

Viele Menschen suchen nach etwas Verlässlichem, nach einer Ordnung an die sie sich halten können und die ihnen ein Gefühl der Sicherheit gibt in einer Welt, die scheinbar immer mehr aus den Fugen gerät. Da gibt es zum einen die realen Bedrohungen:
das unsere Politiker die Macht verloren habe die Geschicke dieser Welt wirklich zu gestalten
es gibt die Bedrohung durch Krieg und Terror
die Bedrohung durch Naturkatastrophen und Seuchen
vor sozialem Abstieg,
vor der Zukunft

Viele Menschen suchen nach Verlässlichkeit und Sicherheit. Sie wählen vermeintlich starke Führer die ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Diese kommen durch Angstmacherei an die Macht, Regieren mit Angstmacherei und haben selber Angst. Die Trump´s und Erdogan´s dieser Welt werden die Probleme der Welt nicht lösen. Ganz im Gegenteil: sie werden die Probleme dieser Welt noch verschlimmern.  In einer globalen Welt kann Abschottung nicht funktionieren. Sondern es kann nur eine Lösung geben: nämlich sich zusammenzusetzten und gemeinsam um Lösungen zu ringen. Als Obama vor acht Jahren als amerikanischer Präsident an die Macht kam, wurde er wie ein Messias gefeiert. Die Friedenserwartungen vieler Menschen ruhten auf seiner Schulter. Er bekam sogar den Friedensnobelpreis für seinen Weg der Verständigung. Aber schon nach kurzer Zeit hatten die Angstmacher wieder das große Wort.

Der Weg der Verständigung und des Friedens ist ein schwieriger und komplizierter Weg. Er bedeutet: Geduld haben, den Anderen ertragen, ein Weg der kleinen Schritte,  ein Weg mit vielen Niederlagen ohne glanzvolle Siege. Für viele schien dieser Weg nicht lukrativ. Er bedeutet: teilen, Einschränkungen, viele wollen ihre Besitztümer verteidigen und in Sicherheit wissen. Nach beiden Weltkriegen schien es, als hätte die Menschheit ihre Lektion gelernt. Nie wieder Krieg hieß es. Die UNO als Völkerbund aller Völker und ihre Unterorganisationen bekam ein Gewicht in der Welt. Und nach der Beendigung des kalten Krieges war die Hoffnung groß, dass ein Zeitalter des Friedens anbricht. Die Aufbaujahre nach dem Krieg brachte vielen Menschen im Westen Menschen ein gutes Leben mit einem steigenden Wohlstand für alle. Bildung und Wohlstand für alle schienen möglich. Es gab großen technischen Fortschritt in allen Bereichen. Doch nach den guten Jahren nach den Kriegen erleben wir in den letzten Jahren eine große Ernüchterung. Der große technische Fortschritt wird für viele zu einer Bedrohung ihrer persönlichen Freiheit.

Dabei leben wir Westler in einer Welt mit enormen Möglichkeiten der persönlichen Freiheit und der Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung in einer relativ sicheren Umwelt. Viele, besonders junge Menschen, nutzen diese Möglichkeiten auch. Ihnen steht die Welt offen. Damit meine ich nicht nur die Möglichkeit zu reisen. Wer gut ausgebildet ist, kann heute auf der ganzen Welt arbeiten und leben. Das erweitert den Horizont gewaltig und die Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung und Entwicklung sind unbegrenzt. Sie leben Globalisierung und fühlen sich mit der ganzen Menschheit verbunden. Gleichzeitig haben viele Menschen Angst vor dieser Freiheit und suchen nach einem verlässlichen Ort wo sie sich einordnen können. Nach den Weltkriegen schien die große Zeit der Ideologien und Despoten vorbei. Aber überraschenderweise müssen wir heute erleben wie sich neue Despoten präsentieren und einen großen Zulauf haben.
Wir Westler leben heute in einer zwiespältigen Welt. Viele, vor allem junge, gut ausgebildete Menschen genießen die persönlichen Freiheiten zur persönlichen Entfaltung in einer relativ sicheren Umgebung. Auf der anderen Seite haben viele haben Angst vor dieser Freiheit und sehnen sich nach einer Ordnung wo sie ihren festen Platz einnehmen können und ihnen zur Selbstbestimmung  hilft.

Die realen Bedrohungen der Menschheit gelten für alle. Krieg- und Katastrophenzeiten und Friedenszeiten gab es immer in der Geschichte der Menschheit. Und eine Abschottung vor den Krisen und Problemen der Welt kann es nicht geben. Da sitzen wir alle in einem Boot. Entweder die Menschheit versucht einen gerechten Ausgleich zu finden oder die Krisen werden und einholen und dann wird es für uns doppelt schlimm. Wenn wir uns die möglichen Ausmaße der  zukünftigen weltweiten Katastrophen ausmalen, so überkommt einem das Grausen.

Wir leben heute immer noch in der Übergangszeit vom mythischen Zeitalter und Rationalen Zeit. Und solche Übergangszeiten sind immer von großen Spannungen gekennzeichnet. Das gilt für jeden einzelnen Menschen und auch für  die Menschheit als Ganzes.  Es ist die Zeit der Extreme, von Allmachtsphantasien und Ängsten. Von Euphorie und Depression. Gestern noch sahen viele die Welt und den Fortschritt noch mit rosigen Augen. Der Mensch schien die Welt in den Griff zu bekommen. Heute beschleicht vielen das Gefühl der Verlassenheit in einer zu groß gewordenen Welt.

Die Renaissance und Reformation bedeutete für uns im Westen das Ende der mythischen Zeit und der Beginn der Neuzeit und der rationalen Phase. Der Mensch löst sich aus der Bevormundung durch Kirche und Adel und wird zum Individuum. Dabei waren die letzten 500 Jahre geprägt von den beiden Extremen. Von der Wissenschaft mit ihren Allmachtsphantasien und von den Romantikern mit ihren Visionen. Von den Aufklärern die sagen: keine Mythen mehr und von den Skeptikern mit ihrer Angst vor Veränderung.

Und das ist genau der Zwiespalt den wir heute erleben. Da gibt es viele, die die Freiheiten die die  Renaissance gebracht hat voll auskosten. Und es gibt viele, die am liebsten die teuer erkaufte Freiheit an die Erdogans oder Trumps dieser Welt abgeben.

Was Jesus unter Freiheit versteht, hat er selber vorgelebt. Er ist mit aller Konsequenz seinen persönlichen Weg gegangen. In dem Zusammenhang spricht Jesus auch von Sklaven der Sünde. Jeder Mensch ist mehr oder minder Sklave der Sünde. Das bedeutet: er ist nicht sich selbst sondern lebt nach dem was die Erziehung, Sozialisation, die vorherrschende öffentliche Meinung, die Umwelt, die Vorbilder, die Werbung usw. als normal und angemessen vorgibt. Jeder Mensch hat eine Vorstellung, ein Bild von sich und von der Welt. Diese Bild ist geprägt von den Erlebnissen der Vergangenheit. Und dieses Bild bestimmt unser Selbstverständnis und unser Denken. Das gilt auch für Religionen: sie sind eine wichtige Hilfe zum Glauben aber nicht der Glaube an sich.

Wir können nicht ohne diese Vorstellungen oder Bilder leben, sie geben unserem Leben eine Struktur. Aber wichtig ist die Erkenntnis dass diese nicht absolut sondern nur relativ sind. Und dass wir offen sind für neue Bilder die uns im Leben weiterbringen. Wenn wir diese Bilder für absolut Wahr nehmen, werden wir zu Sklaven dieser Vorstellungen. Damit sind wir dann unseren unbewussten Antrieben und Ängsten ausgeliefert und damit natürlich auch den Menschen, die diese Trieben und Ängste für ihre Zwecke manipulieren.

In Johannes 5,30b sagt Jesus: denn ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. Das verstehe ich als eine Aufforderung nicht nach dem zu streben was ich denke und meine, sondern nach dem,  was gut für mich ist. Das verstehe ich als eine Aufforderung nicht nach dem zu leben, was  Erziehung und Gesellschaft lehrt, sondern nach dem was mich selber ausmacht. Freiheit bedeutet dann: uns freimachen von den Zwängen und Vorgaben die unser Leben bestimmen und zu eigenständigen Persönlichkeiten werden.

Aus der Masse herauszutreten und eine eigenständige Persönlichkeit zu sein und erfordert Mut. Aber wer sich dem Leben hingibt, wird merken dass das Leben trägt. Wer gewiss ist, dass die eigenen Bilder nur relativ sind und dass das Leben trägt, verliert seine Angst vor dem Tod.